Die Unfähigkeit der Vorstände: Amazon liefert selbst an die Haustür des Kunden. Die Reaktion der Paketdienste auf die steigenden Paketmengen führt dazu, dass die Zusteller sich selbst schaden werden

Die Unfähigkeit, der Realität des online-Booms nicht mit der richtigen Strategie entgegenzuwirken, besitzen auch andere Vorstände der Paketdienste, der Hermes-Vorstand toppt aber alles:

Amazon soll mit „Shipping with Amazon“ jetzt selbst die letzte Meile in Angriff nehmen. Der Dienst holt Pakete bei Händlern ab und stellt sie selbst beim Kunden zu. Das ist Amazons Art, mit der selbstverursachten Paketschwemme umzugehen. Die Entscheidung, eigene Logistikstrukturen aufzubauen, resultiert nicht aus der Überlegung, „die nächste Branche aufzumischen“, sondern entspringt dem Versagen der Paketdienste. Amazon befürchtet, dass der Kunde unter der Überlastung der Zusteller leiden wird – und baut deshalb immer mehr eigene Strukturen auf. Was das kostet, ist dem Konzern dabei komplett egal. Währenddessen demontieren sich auch in Deutschland die Paketdienste. Wenn sich daran nichts ändert, wird die Logistikbranche sich selbst ins Abseits stellen.

Realitätsverdrängung: Zustellung nur noch gegen Gebühr
Deutschlands Paketdienste fantasieren in der Zwischenzeit lieber ernsthaft über Gebühren für die Haustürzustellung. Die pure Hilflosigkeit trieft aus den Worten des Hermes-Geschäftsführers Frank Rausch im Dezember in der Wirtschaftswoche: „Die Zustellung an die Haustür muss angesichts des hohen Aufwandes teurer werden.“ Auch DPD-Chef Winkelmann äußert sich ähnlich in der Zeitschrift. Dahinter steht wohl die Hoffnung, dass die Zustellungen etwas abnehmen und Kunden auf Paketstationen oder Paketshops ausweichen. Rausch hätte gerne größere Paketshops und Mikrodepots in städtischen Zentren. DHL erteilt im selben Artikel einer Zustellgebühr eine Absage.

Kunststück, DHL experimentiert lieber im Großraum Köln-Bonn damit, die letzte Meile der anderen Paketdienste mit einer Weiterleitungs-Flatrate zu übernehmen. DHL gilt subjektiv bei vielen Kunden als die zuverlässigste Variante unter den Paketdiensten und auch in Händlerforen wird die Meinung oft vertreten. Eine Umfrage des Deutschen Institus für Service-Qualität im Auftrag von N-tv wählte im November DHL auf Platz eins bezüglich der Service-Qualität. Die Tatsache, dass Kunden dafür zahlen würden, dass DHL die letzte Meile übernimmt, unterstreicht das Ergebnis der Umfrage. Kunden bezahlen lieber dafür, dass DHL ihre Sendungen zustellt, als sich die Sendungen kostenfrei von DPD oder Hermes zustellen zu lassen. Ausgerechnet diese beiden Paketdienste fantasieren von Zustellgebühren.

Amazon wird keine Zustellgebühren akzeptieren

Amazon wird diese Gebühren niemals akzeptieren und sie eher kurzfristig selbst bezahlen als sie dem Kunden zuzumuten. Mittelfristig wird das dazu führen, dass noch mehr Amazon-Sendungen von DPD und Hermes zu DHL abwandern. Die langfristige Gegenmaßnahme: Shipping with Amazon, die Zustellung von Amazon an die Haustür. Same-Day-Zustellungen werden heute schon in Deutschland teilweise von Amazon Logistik und teilweise von Paketdiensten übernommen.

Paketdienste müssen dringend investieren
Sollte das Szenario so enden, dass Amazon in Ballungszentren ohne Zustellgebühr ausliefert und die Paketdienste mit Zustellgebühr – dann war’s das für die Paketdienste. Dann wandern in maximal fünf Jahren enorme Paketkontingente aus den innerstädtischen Gebieten ab.

Den Paketdiensten bleibt dann nur noch die ländliche Zustellung, die längere Touren mit mehr Stopps benötigt. Mehr Aufwand, weniger Ertrag. Es bleibt zu hoffen, dass die Paketdienste von diesem Irrsinn wieder abkommen und stattdessen ihre strukturellen Probleme konzentriert angehen. Eventuell nehmen sich auch mehr Startups wie Qool mit seinen Luxus-Paketstationen mancher struktureller Lücken an. Wünschenswert wäre außerdem, dass die Zusteller jenseits der Innovations-PR auf serienreife Automatisierungstechnologie in Logistikzentren, Hubs und Zustellung setzen, statt hilflos zu versuchen, die Abholmengen bei den Händlern mit Obergrenzen und die Zustellmengen bei Endkunden mit Zusatzgebühren zu regulieren.

Amazon wird die Kurzsichtigkeit der Paketdienste nicht schaden, dem E-Commerce nur befristet, bis dann langfristig auch Paketkontingente von „normalen“ Onlinehändlern zu Amazon Logistik abwandern. Für Amazon ist die Rentabilität einer Logistik zweitrangig, denn die Zustellung ist essentiell für das Unternehmen. Wenn es soweit kommt, dann haben sich die Paketdienste selbst ins Abseits gestellt.

https://t3n.de/news/neuer-amazon-paketdienst-944717/

https://www.derwesten.de/wirtschaft/neuer-amazon-paketdienst-logistikbranche-draengt-sich-selbst-ins-abseits-id213426527.html

Eigener Paketdienst geplant: Macht es Amazon wie einst Hermes?
Große Aufregung an den Börsen: Nachdem das Wallstreet Journal am 9. Februar berichtete, dass Amazon sein Logistiknetzwerk in Los Angeles testweise für Dritte öffnen will, drehten die Aktienkurse von UPS (-4,5%), Fedex (-5,3%) und Deutsche Post (-1,2%) ins Minus.

Für die Aktionäre mag der Schritt von Amazon überraschend kommen, aber die Manager der Paketdienste haben das Szenario wohl erwartet. Amazon verfügt schließlich seit vielen Jahren über eigene logistische Infrastruktur, die bislang aber nur für Amazon-Bestellungen genutzt wird. In Zukunft sollen auch fremde Versandhändler (keine Privatpersonen) ihre Pakete mit Amazon verschicken können. Einen ähnlichen Service bietet Amazon derzeit schon mit FBA „Fulfillment by Amazon“ an.

Für FBA müssen die verkauften Produkte allerdings bei Amazon gelagert werden. Beim neuen Service namens SWA „Shipping with Amazon“ können Versandhändler ihre eigenen Lager behalten und die Pakete weiterhin selbst verpacken. Lediglich der Versand erfolgt mit Amazon; also wie bei einem klassischen Paketdienst.

Hermes wurde in den 1970er Jahren übrigens ähnlich aufgebaut, wie Amazon heute vorgeht: Zunächst arbeitete Hermes mit einem etablierten Logistiknetzwerk zusammen (Werner Velbinger Organisation) und wickelte anfangs ca. 25% des Paketaufkommens von Otto ab. Dieser Anteil wurde im Laufe der Jahre gesteigert, und ab 1978 konnten schließlich auch externe Geschäftskunden ihre Pakete mit Hermes verschicken. Bis in die 90er Jahre hinein waren Fremdkunden für Hermes eher ein Randgeschäft, weil es mit den Otto-Paketen schon genug zu tun gab.

Interessant: Zusteller, die für Amazon Logistics unterwegs sind, erhalten einen Scanner mit vorgeplanter Auslieferroute. In einer Stellenanzeige heißt es außerdem, dass sich die Sendungen „bereits vorsortiert in Ihrem Wagen“ befinden. Bei Hermes erhielten die Zusteller 1971 ebenfalls vorsortiert beladene Fahrzeuge. „Allerdings stellte Hermes bei Kontrollfahrten fest, dass die Fahrer ihre Pakete ‚heimlich‘ individuell sortierten – daraufhin übertrug man ihnen diese Aufgabe zur Gänze.“ (Quelle: Hermes Unternehmenschronik)

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